Kultur

«Roma» ist der Film des Jahres – und gehört ins Kino

«Roma» beginnt mit einer Pfütze. Die Kamera, und damit unser Blick, bleibt auf diese Pfütze fixiert, bis sich ein paar unaufgeregte Sekunden später ein Flugzeug darin spiegelt. Es ist ein Bild so schlicht wie genial, wie so vieles an «Roma», dem besten Film des Jahres.

Denn in diesem Bild ist bereits alles angelegt, wovon «Roma» in den folgenden zwei Stunden erzählen wird: von den Spannungen zwischen der mexikanischen Unter- und Oberschicht, die Anfang der 70er-Jahre im Fronleichnam-Massaker gipfelten – und von einer Haushälterin namens Cleo (Yalitza Aparicio), deren gesamtes Universum sich auf den kleinen Umkreis dieser Pfütze beschränkt.

Der mexikanische Meisterregisseur und -Autor Alfonso Cuarón, dessen Weltraumepos «Gravity» 2014 mit sieben Oscars prämiert wurde, nennt «Roma» seinen bislang persönlichsten Film. Er hat ihn Liboria Rodriguez gewidmet, der langjährigen Haushälterin seiner Oberschichtsfamilie, deren Anwesen im Stadtteil Roma in Mexiko-Stadt stand.

Genau wie das Anwesen im Film, in dessen Einfahrt sich besagte Pfütze befindet, und wo Cleo putzt, wäscht, kocht und sich rund um die Uhr um die vier Kinder von Antonio und Sofia kümmert.

Hommage an eine selbstlose Frau

Man kann sich gut vorstellen, dass eines dieser vier Kinder Cuaróns filmisches Alter Ego ist, doch nicht ihm gilt die Aufmerksamkeit des Films, sondern Cleo. Und damit jener Frau, die wie unzählige andere Haushaltsangestellte in Lateinamerika und Asien nach aussen unsichtbar ist, aber nach innen unverzichtbar.

Cleo ist der Kitt der Familie. Als der Hausherr seine Frau sitzen lässt, hält Cleo vor den Kindern die Lüge aufrecht, dass er bloss auf Geschäftsreise sei. Und als Cleo unerwartet schwanger wird, kreisen ihre Gedanken nicht um ihr Ungeborenes, sondern nur um das Wohl von Sofias Kindern: Wer soll denn nun zu ihnen schauen?

Nach aussen unsichtbar, nach innen unverzichtbar: Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio). (Bild: Netflix)

Cuarón, der bei «Roma» auch die Kameraarbeit übernahm, findet für die täglichen Routinen seiner Protagonistin immer wieder herausragende Einstellungen. Wenn Cleo beispielsweise ihrer Arbeit nachgeht, steht die Kamera nie still, sondern dreht sich unaufhörlich um die eigene Achse – als wäre sie eine externe Kraft, die die Haushälterin nie zur Ruhe kommen lässt.

In weniger souveränen Händen wäre aus «Roma» eine eintönige filmische Anklage resultiert, ein Abarbeiten alter Schuldgefühle eines privilegierten Regisseurs. Cuarón blendet das zwar nicht aus, packt das Thema aber grösstenteils vom anderen Ende an:

Er verneigt sich vor der selbstlosen Arbeit der Haushälterin und schafft ihr ein filmisches Denkmal. Die Liebe in «Roma», die Antonias Kinder für Cleo verspüren, ist echt und tränkt in Cuaróns ehrfurchtsvollen Bildern den gesamten Film. Und Hausherrin Sofia denkt nicht daran, Cleo während ihrer Schwangerschaft im Stich zu lassen.

Am Rand dieser intimen Geschichte blendet Cuarón vermehrt auch die starken politischen Spannungen ein, die an einem für Cleo schicksalhaften Tag zum Bersten kommen. Das Fronleichnam-Massaker, bei dem 1971 Dutzende Menschen während einer Studentenrevolte ums Leben kamen, die von einer paramilitärischen Truppe niedergeschlagen wurde, inszeniert Cuarón in einer atemlosen Sequenz ganz aus Cleos Perspektive.

Zuerst im Kino, dann auf Netflix

«Roma» gewann Anfang September den Goldenen Löwen, den Hauptpreis am renommierten Filmfestival in Venedig. Natürlich wurde er dort auf einer grossen Kinoleinwand gezeigt, doch «Roma» ist eigentlich ein Netflix-Film.

Regisseur Alfonso Cuarón gewann für «Roma» den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig. (Bild: EPA/Ansa Ettore Ferrari)

Womit wir wieder beim Bild der Pfütze und des Flugzeugs sind, in das sich mit etwas Fantasie auch der derzeitige Konflikt zwischen dem Streamingdienst und den Kinos hineininterpretieren lässt, der sich momentan an «Roma» entlädt.

Netflix wird den Film am 14. Dezember weltweit auf seiner Onlineplattform zur Verfügung stellen, bringt ihn also so nahe an uns heran wie die Pfütze das Flugzeug. Doch gehört der Film dorthin?

Wer das Glück hatte, ihn in Venedig oder am Zurich Film Festival zu sehen, kann es bezeugen: «Roma» ist formvollendetes Kino, das ebendort am besten zur Geltung kommt. Cuaróns leuchtende Schwarzweiss-Aufnahmen sind von sublimer Schönheit, die Tonspur vor allem in einer mitreissenden Szene an einem Strand schier überwältigend.

Auf dem Fernsehbildschirm zuhause wäre der Film verschwendet – auf einem Tablet oder Handy erst recht.

Ein Glück, hat Netflix in diesem Fall eingelenkt. Ab heute, und damit acht Tage vor dem Start auf dem Streamingportal, ist «Roma» auch in ein paar ausgewählten Kinos in der Deutschschweiz zu sehen.

Namentlich sind dies das kult.kino Camera in Basel, das Bourbaki in Luzern und das RiffRaff in Zürich. Wo man «Roma» schauen möchte, ist jeder und jedem selbst überlassen.

Die Pfütze im Film wischt Cleo übrigens weg. Das Flugzeug ist nicht mehr am Boden, in unmittelbarer Nähe, sondern hoch oben im Himmel, wo es hingehört – genau wie «Roma» ins Kino.

Hinweis: Roma (MEX / USA 2018) 135 Min. Regie: Alfonso Cuarón. Ab Donnerstag 6.12. in den Kinos Bourbaki (Luzern) und RiffRaff (Zürich) sowie Camera (Basel). Ab 14.12. auf Netflix.

Quelle: luzernerzeitung.ch

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