Politik

Dieses Davos Forum ist etwas ganz Besonderes

Mit einer Eröffnungsrede des ukrainischen Präsidenten Selenskyj per Videoverbindung beginnt heute in Davos das Weltwirtschaftsforum (WEF), die jährliche Konferenz für Wirtschaftsführer und Spitzenpolitiker. Das WEF findet bereits zum 51.Mal statt, aber diesmal gibt es dunkle Wolken. Nicht nur aus Sorge um die Weltwirtschaft, sondern auch, weil die Kritik am WEF selbst immer lauter wird. Fünf Fragen zum wichtigsten Networking-Event der Welt.

1. Wie dunkel sind die Wolken über Davos?

Das Weltwirtschaftsforum findet normalerweise Mitte Januar statt. Zu dieser Zeit liegt Davos, hoch in den Schweizer Alpen, unter einer dicken Schneeschicht. Nicht so in diesem Jahr. Aufgrund der Verschiebung aufgrund der Omikron-Variante findet das WEF Mitte Mai statt und die Skipisten sind alpinen Wiesen in voller Blüte gewichen. Dennoch ziehen dunkle Wolken über Davos auf, denn sowohl der Krieg in der Ukraine als auch die Folgen von Corona in China belasten die Weltwirtschaft.

Geopolitische Unsicherheit, beispiellose Energiepreise, knapp und teuer werdende Rohstoffe und eine himmelhohe Inflation scheinen sich in einem gefährlichen Cocktail zu verstärken. Die Wirtschaftselite in Davos wird zweifellos in Richtung der politischen Entscheidungsträger schauen, die traditionell auch am WEF anwesend sind, oder in Richtung der Zentralbanker, die in den kommenden Tagen hier eintreffen werden. Aber ob sie maßgeschneiderte Lösungen präsentieren können, ist nur die Frage.

2. Wer ist in Davos?

Das letzte Mal versammelte es die wirtschaftliche und politische Elite Mitte Januar 2020 in Davos. Corona war damals ein (hauptsächlich) chinesisches Problem und die Gästeliste sah ziemlich beeindruckend aus. Der damalige US-Präsident Trump trat zum zweiten Mal in Folge auf, Klimaaktivistin Greta Thunberg durfte am WEF sprechen und Wirtschafts- und Politikführer aus fast der ganzen Welt kamen in die Schweiz.

Nicht so in diesem Jahr. Zunächst wurde Russland wegen des Krieges in der Ukraine nicht eingeladen. Aber es sind nicht die einzigen leeren Plätze. Auch aus China werden aufgrund der Lockdown-Maßnahmen vor Ort nur wenige Teilnehmer erwartet. Außerdem fällt auf, dass weniger politische Führer nach Davos kommen. Offiziell, weil das WEF von Januar auf Mai verschoben wurde und infolgedessen die Tagesordnungen bereits ausreichten. Aber auch die wachsende Kritik am elitären und geschlossenen Charakter des WEF wird zumindest teilweise dafür verantwortlich sein.

3. Ist Davos mehr als ein Gourmeturlaub für CEOs und Politiker?

Das WEF präsentiert sich gerne als große Gedankenübung. Aus aller Welt kommen CEOs, politische Entscheidungsträger und andere Spitzenleute in die Schweizer Alpen, um gemeinsam über die Probleme der Welt und den Zustand der Weltwirtschaft nachzudenken. Fünf Tage lang ist auch das Kongresszentrum Davos voll. Aber in den Straßen rund um das Kongresszentrum ist es in der gleichen Zeit viel belebter. Praktisch jeder verfügbare Quadratmeter wurde zu Wucherpreisen vermietet, um den offiziellen und auch den inoffiziellen Teilnehmern den anderen Aspekt des WEF zu ermöglichen: Networking.

Jeder Tisch in jedem Restaurant wurde Monate im Voraus gemietet, um informelle Kontakte zu knüpfen, oft bei einer Schüssel Käsefondue und einem Glas Champagner. Die Frage ist, welcher der beiden Aspekte am meisten wiegt: die Denkübung, die das WEF ist, oder das größte (und wichtigste) Netzwerkereignis der Welt. Die Tatsache, dass in den beiden vergangenen Corona-Jahren das digitale WEF (ohne Netzwerk) viel weniger Resonanz fand als die realen Treffen, gibt vielleicht eine Richtung vor.

4. Ergibt das alles einen Sinn? Ändert Davos wirklich etwas?

Auf dem Weltwirtschaftsforum ist in der Vergangenheit einige Male Geschichte geschrieben worden, vor allem, weil Länder, die sich am Rande des Forums nicht finden können, zum ersten Mal wieder echten Kontakt aufgenommen haben. Aber das ist nicht der Kern des WEF. Als private Organisation kann sich das WEF nicht zu verbindlichen Verpflichtungen verpflichten oder die Teilnehmer anweisen, ihre Verpflichtungen in Davos zu Hause einzuhalten.

Aber das WEF tut so, als würden die Teilnehmer, bereichert durch die Erkenntnisse, die sie in Davos gewonnen haben, die Welt verändern, wenn sie wieder zu Hause sind. Die Frage ist, ob das auch passiert. Letztes Jahr stand der Klimakampf ganz oben auf der Agenda, aber viele Teilnehmer flogen wieder mit dem Privatjet nach Hause. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wurde auch schon oft auf dem WEF diskutiert, aber wenn das Thema Besteuerung bereits diskutiert wird, rutschen viele Teilnehmer noch etwas unbehaglich auf den Sitzen.

5. Hat das WEF eine Antwort auf die kritischen Fragen?

Die Kritik am WEF als geschlossene und zu elitäre Absicht ist nicht neu. Aber diese Anschuldigungen klingen immer lauter und auch aus immer mehr Blickwinkeln. In einigen Fällen wird auf den undemokratischen Charakter des WEF verwiesen, während andere ganze Verschwörungstheorien sehen, dass das WEF die Zügel der Weltwirtschaft und vor allem der Weltpolitik in seinen Händen hält.

Letzteres stimmt nicht, aber die Haltung des Gründers und CEO des WEF, Klaus Schwab, wirft einige Fragen auf. Ein vor einigen Jahren gedrehter Dokumentarfilm zeigt, dass der Mann nicht nur ein gigantisches Netzwerk hat, sondern auch, dass das Ego des Mannes den Gipfeln des Schweizer Hochgebirges nicht unterlegen sein sollte. Jedenfalls lässt es die Kritik am WEF an vielen Flanken anschwellen. Wird er und wird sich das WEF der Kritik wegen anpassen? Und wenn nicht, wie lange wird es das WEF in seiner jetzigen Form noch geben? Das werden die kommenden Jahre zeigen.

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